Alles begann mit der Suche nach einer Puppe für Davids Nichte. Heute steht Little Ashé für Diversität, Fairness und Handwerk mit Herz. Gründer David Amoateng erzählt in unserem Interview, wie aus dieser Idee ein Sozialunternehmen wurde, das Kitas ausstattet, Arbeitsplätze schafft und ein neues Narrativ in Kinderzimmern etabliert.
Ein Unternehmen, das zeigt, wie aus einer einfachen Idee Wirkung entsteht – in Ghana und in Deutschland.
Vom Koffer voller Puppen zur GmbH
2020 beginnt David als Einzelunternehmen mitten in der Pandemie. Im Gepäck seiner Afrikareise befinden sich 400 Stoffpuppen aus Ghana, eigenhändig verzollt und in drei Koffern nach Deutschland gebracht. Er baut eine Website – drei Monate später sind alle Puppen verkauft.
Sein Antrieb beginnt jedoch früher. Für seine Nichte sucht er eine Schwarze* Puppe, plastikfrei, fair produziert und bezahlbar. In Deutschland findet er fast nur Weiße* Gesichter oder teure Einzelstücke. Bald erkennt er, dass rund 90 Prozent der Puppen im Handel Weiß sind. Das spiegelt die Realität in Kitas und Kinderzimmern definitiv nicht wider.
Im Gespräch kommen wir auf das bekannte Doll Experiment. Weiße und Schwarze Kinder bekommen jeweils eine Schwarze und eine Weiße Puppe gezeigt. Viele (sowohl Weiße als auch Schwarze Kinder) ordnen der Weißen Puppe positive, der Schwarzen negative Eigenschaften zu. Das Erschreckende dabei: auch bei Wiederholungen des Experiments in den 2000er-Jahren kommt ein ähnliches Ergebnis heraus. Die Erkenntnis ist klar: Repräsentation prägt.
„Repräsentation ist kein Nice-to-have. Kinder müssen sich selbst im Spielzeug wiederfinden. Und auch Weiße Kinder sollten die Vielfalt unserer Gesellschaft kennenlernen und verinnerlichen.“, so David.
Little Ashé fertigt daher Bio-Stoffpuppen in unterschiedlichen Hauttönen mit liebevollen Details, ohne Plastik, fair produziert und mit klarer Haltung gegen Stereotype. Die Resonanz ist spürbar: Eltern schreiben, Kitas schicken Fotos, Kinder nehmen ihre Puppen überallhin mit.
„Wir haben das Rad nicht neu erfunden. Neu ist, wie wir es machen. Nachhaltigkeit, Diversität und Wirkung gehören für uns einfach zusammen.“
2025 folgt der nächste Schritt. Little Ashé wird zur GmbH, eine Geschäftspartnerin steigt ein. Das Unternehmen entwickelt sich zum Impact-Start-up mit einem Ziel, das weit über Umsatz hinausgeht.



Faire Produktion in Ghana – auf Augenhöhe
Bevor die ersten Puppen in den Verkauf gehen, liegt ein Jahr Vorbereitung hinter David.
„Ich habe früh mit einer Produktdesignerin zusammengearbeitet und sogar einen Puppenkurs besucht, um zu verstehen, wie eine Puppe entsteht. Es sieht simpel aus, ist aber mit über 100 Arbeitsschritten überraschend komplex.“
Die Produktion befindet sich bewusst in Ghana, einem Land mit großer Schneider-Tradition. Statt anonymer Massenfertigung entstehen die Puppen in einer eigenen Werkstatt, aufgebaut mit lokalen Fachkräften und geleitet von einem ghanaischen Partner, den David einst in China kennenlernte.
Anfangs unterstützt eine Schneiderschule die Produktion, bis sie während der Pandemie auf Masken umstellen musste. Doch eine Schneiderin bleibt, bildet weitere Mitarbeitende aus – der Beginn der eigenen Schneiderei. Heute arbeiten dort rund 20 Personen, überwiegend Frauen.
„Wichtig bei einem Social Business: Das ist kein Entwicklungshilfeprojekt. Wir sind voneinander abhängig. Ohne das Team in Ghana könnte ich meine Miete nicht zahlen, und umgekehrt.“
Die Stoffe sind biozertifiziert (GOTS, OEKO-TEX) und kommen aus Europa, da es in Ghana derzeit leider keine zertifizierte Weiterverarbeitung gibt.
„Das ist nicht perfekt. Aber wir handeln so nachhaltig wie möglich, bis wir Stoffe vielleicht irgendwann vor Ort selbst herstellen können und Lieferwege einsparen.“
Pädagogik im Alltag
Neben Puppen bietet Little Ashé ein Kinderbuch über Diskriminierung an, ergänzt um ein 30-seitiges Begleitheft für Pädagoginnen und Pädagogen. Auch Workshops zu Anti-Rassismus und Vielfalt gehören zum Angebot. So wird aus Spielzeug Bildung und aus Haltung Alltag.

Vertrieb mit Haltung und Wirkung
Der Vertrieb läuft über den eigenen Onlineshop, über Kitas als Multiplikatoren und über B2B-Partnerschaften. Auf Amazon sucht man Little Ashé aus Nachhaltigkeitsgründen vergeblich. Stattdessen reist David selbst durch Hamburg, Berlin und NRW, besucht Läden, spricht mit Kita-Leitungen und erklärt sein Konzept persönlich.
„Gib mir anderthalb Minuten, dann verstehen die meisten, warum diese Puppen wichtig sind.“
Auch hier gilt: Sichtbarkeit entsteht im direkten Kontakt und passt zur Marke – nah dran, erklärungsstark und mit ausreichend Zeit für Fragen.
Erfolg neu gedacht
„Erfolg ist für uns, wenn es allen gut geht – von der Schneiderin bis zum Kind mit der Puppe.“
Natürlich ist Umsatz notwendig, doch Wirkung ist das eigentliche Ziel. Dazu gehören Empowerment in Ghana, Selbstidentifikation hier in Deutschland, Bildung und ein langlebiges Lieblingsspielzeug.
„Ich wünsche mir, dass Kinder in 20 Jahren sagen: ‚Ich habe die Puppe immer noch.‘ Dann haben wir alles richtig gemacht.“
Bis heute hat Little Ashé über 8.000 Puppen verkauft und mehr als 250 Kitas mit durchschnittlich 50 Kindern pro Einrichtung ausgestattet. In Ghana sind 20 Arbeitsplätze entstanden, viele davon für Frauen in ländlichen Regionen. Das Team arbeitet derzeit an einem umfassenden Wirkungsbericht, um diese Entwicklung transparent zu machen.



Hürden & Learnings direkt aus Davids Gründeralltag
- Proof of Concept: Ja, mit Puppen lässt sich Geld verdienen – auch als Mann.
- Sichtbarkeit ist entscheidend: Messen, Netzwerke, Kitas, Kooperationen, das ist harte Arbeit, die sich auszahlt.
- Finanzierung bleibt eine Herausforderung: Organisch zu wachsen ist David wichtig. Umso schöner, dass es Initiativen wie die IFB InnoImpact Förderung gibt, die Little Ashé gerade bewilligt bekommen hat und dem Impact Unternehmen etwas Rückhalt verschafft.
- Einfach losgehen: Lösungen (und auch Herausforderungen) entstehen unterwegs.
- Wirkung mitdenken: In der Lieferkette, im Team, im Kinderzimmer. Was selbstverständlich sein sollte, ist es oft leider noch nicht.
- Balance halten: Natur, Sport und Pausen. Nachhaltiges Wachstum gelingt nur mit eigenen Auszeiten.
- Meinungen einholen, sich aber nicht beirren lassen: Unterschiedliche Perspektiven sind wertvoll, doch nicht jede skeptische Stimme muss Gewicht haben.
Ausblick
Little Ashé möchte europaweit wachsen – Schritt für Schritt.
„Wir wollen das Steiff der Diversität werden, die erste Adresse für faires, diverses Spielzeug.“
SDGs, die Little Ashé stärkt
- SDG 3 – Gesundheit & Wohlergehen
- SDG 4 – Hochwertige Bildung
- SDG 5 – Geschlechtergleichheit
- SDG 8 – Menschenwürdige Arbeit & Wirtschaftswachstum
- SDG 10 – Weniger Ungleichheiten
- SDG 12 – Nachhaltiger Konsum & Produktion
- SDG 17 – Partnerschaften zur Erreichung der Ziele
Mehr über Little Ashé:
* Die Großschreibung von „Schwarz“ und „Weiß“ in diesem Artikel verweist darauf, dass hier keine Farbangaben gemeint sind. „Schwarz“ wird als politische Selbstbezeichnung von Menschen verwendet, die Rassismuserfahrungen machen. „Weiß“ bezeichnet eine gesellschaftliche Position, die mit Privilegien in rassistischen Machtverhältnissen verbunden ist.

